Was heißt hier "gefallen"?

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Leserbrief zur BZ-Serie "Tagebücher aus dem Krieg"
BZ vom 20.08.2014, Seite 12: "Die Schrecken des Krieges in ihrer schrecklichen Gestalt"

Überschrift: Was heißt hier "gefallen"

Im Wohnzimmer meiner Großmutter hingen über dem Harmonium die Bilder von fünf Soldaten und ein eingefasster Granatsplitter, den man meinem Großvater im Ersten Weltkrieg aus der Wade gezogen hatte. Vier von Ihnen waren Großmutters Neffen gewesen, drei alleine aus einer Familie, und im Zweiten Weltkrieg "gefallen". 
Das Foto meines Onkels war etwas größer. In einem Brief sei Ihnen mitgeteilt worden, dass er im Kampf in der Nähe von Stalingrad "gefallen" sei. Er sei sofort tot gewesen. Nach seinem letzten Heimaturlaub brachte ihn seine Schwester zum Freiburger Hauptbahnhof. Bis heute erzählt meine Tante, er sei sich sicher gewesen, dass sie sich nie wiedersehen würden. In Kriegen werden Soldaten (und auch Zivilisten) erschossen, erstochen, massakriert, erwürgt, ersäuft, erhängt, überfahren, erschlagen, zerfetzt und tun desgleichen. Sie erfrieren, verbluten, verhungern, verdursten und begehen aus Verzweiflung Selbstmord. Sie stolpern nicht und "fallen", weil ihnen jemand den Fuß stellt.
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helmut friedrich, freiburg
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© 2017-2020 helmut friedrich . rennweg 2 . 79106 freiburg i.br. . mito@artfreiburg.de .

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